Geschichte unserer Gemeinden und Kirchen

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Wir beginnen mit Rechlin

 

 

Rechlin und seine Kirche
2015

Autor: Prof. Dr. Freise


(Text urheberrechtlich gechützt ©)

 

Das ursprüngliche Rechlin (1374 erstmalig als Reddychlin dokumentiert) lag am Südostufer der Müritz, dem größten Binnensee der Bundesrepublik Deutschland. Es war ein Dorf, meistens ein Vorwerk unter wechselnden Herrschaften,  ab 1787 derer von Hammerstein in Retzow.

Retzow gehörte mit seinem Herrschaftsgebiet zum früheren Herzogtum Mecklenburg-Strelitz und lag an der Grenze zum Herzogtum Mecklenburg-Schwerin. Nordöstlich schloss das Gebiet an die Herrschaft in Boek an. Zum Herrschaftsgebiet gehörten als weitere Vorwerke Klopzow, Roggentin, Leppin und Ellerholz. Der für die Kirchen dieser Vorwerkdörfer und für Retzow eingesetzte Pastor lebte in Rechlin und hatte dort seine eigene Landwirtschaft.  
Ende des 18. Jahrhunderts wurden alle Kirchen baufällig. Auf Geheiß der Schweriner Kirchenleitung musste Herr von Hammerstein eine neue Kirche finanzieren.  Die Zeiten waren wirtschaftlich schwierig, und so dauerte der Bau in Rechlin von 1816-32.  Es wurde ein solider, verputzter Backsteinbau  mit ebener Holzdecke und kleinem Turm, ausreichend groß für alle Dörfer der Herrschaft. Roggentin wäre zwar ein zentralerer Standort für eine Kirche im Herrschaftsgebiet gewesen, doch sollen der Pastor und, so sagt man, der Bauherr von Hammerstein den Standort Rechlin durchgesetzt haben. Die Kirche bekam eine Empore mit Orgel; die Glocken, der Altar und die sonstige sakrale Ausstattung wurden großenteils von den bisherigen Kirchen übernommen.  
 
Die Einwohnerzahl verringerte sich  im Laufe des 19. Jahrhunderts infolge sozialer Änderungen sowie wegen Auswanderung, so dass im 1. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts der Kirchdienst eingestellt wurde. Rechlin bestand zu der Zeit nur noch aus drei bis fünf kleinen Häusern, die nach Verfall der ursprünglich nahe der Kirche gelegenen Häuser etwa zwei Kilometer entfernt landeinwärts gebaut worden waren. Nur noch das Wohnhaus und die Landwirtschaftsgebäude des Pastors lagen nahe der Kirche.
 
Das Preußische Kriegsministerium suchte 1916 Gelände zur Erprobung von Flugzeugen. Das Flugwesen war neu und besonders Flugzeuge begannen sich im Krieg zu bewähren; die bestehenden Test-Einrichtungen bei Berlin reichten nicht mehr aus. Das abgelegene, dünn besiedelte Gebiet an der Müritz, günstig gelegen zu Berlin und dem damals größten Flugzeughersteller Fokker in Schwerin war geeignet und die Gesetzeslage erlaubte die Enteignung von 13,8 Quadratkilometern Gelände des Dorfes Lärz und der Herrschaft Retzow, darin eingeschlossen Rechlin. Lärz liegt etwa sieben Kilometer südsüdöstlich von Rechlin.

Die Rechliner Kirche wurde mit enteignet, dem damaligen Lärzer Pastor Lühr wurde 1916 die Verwahrung des nicht enteigneten Kircheninventars übertragen.
 

Erst kurz vor dem Ende des 1.Weltkriegs kam es zu ersten Flugzeugerprobungen. Die Kirche war davon nicht berührt, deshalb befanden sich Altar, Empore, Orgel, Kanzel und Gestühl noch bis 1924 in der Kirche. Jedoch wurde sie bereits ab 1920 als Getreide- und Holzlager, als Werkstatt und für sonstige landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Der Versailler Vertrag nach dem ersten Weltkrieg, der Deutschland den Flugzeugbau fast ganz verbot, hatte nämlich zur Folge, dass das Flugerprobungsgelände zum Teil wieder für Landwirtschaft genutzt wurde.
 
Im Frühjahr 1933 begann der Aufbau der „Erprobungsstelle Rechlin“ als der später größten Flugzeugerprobungsstelle Deutschlands; die alten Landwirtschaftshäuser von Rechlin und die Reste von Klopzow, Leppin und Roggentin fielen dem zum Opfer. Zuvor bestand ab etwa 1925 eine Russisch-Deutsche Flugzeugerprobung in Lipezk (südwestlich von Moskau), ermöglicht durch den „Rapallo“-Vertrag. In Rechlin wurde vor 1933 nur unauffällig und wenig geflogen, bis 1935 blieb auch der nachfolgende Aufbau geheim.
Die Rechliner Kirche sollte nun als Simultankirche (wöchentlicher Wechsel evangelisch-katholisch) den aus ganz Deutschland mit ihren Familien zuziehenden Mitarbeitern der Erprobungsstelle und dem Militär dienen. Schon zum Sommer 1934 war die  Kirche wieder vollständig hergerichtet, wobei allerdings nicht bekannt ist, was von der früheren Kirchenausstattung beibehalten wurde. Eine Sakristei wurde angebaut. Sämtliche Kosten, auch für die sakralen Gerätschaften, Gewänder, Bücher usw. wurden vom Staat übernommen, sicher einmalig! Die kirchlichen Dienste übernahmen die Pfarrer aus Lärz (evangelisch) und Neustrelitz (katholisch).
 
Die Anzahl der zivilen technischen Mitarbeiter der Erprobungsstelle wuchs von anfangs etwa 100 auf  etwa 2600 kurz vor dem 2.Weltkrieg und ging dann bis 1943 auf etwa 2150 zurück, während das bei der Erprobung mitwirkende Militärpersonal von anfangs Null stetig bis auf etwa die gleiche Anzahl zunahm. Im Wesentlichen lebte man in neu gebauten Einzel- und Doppelhäusern um die Rechliner Kirche herum und in der „Siedlung Vietzen“, einem etwa drei Kilometer südlich der Kirche gelegenen neuen Baugebiet. Vietzen ist ein südlich daran anschließendes kleines Dorf. Auch bei Lärz entstand eine kleine Wohnsiedlung, denn ab 1938 wurde zwischen Retzow und Lärz ein zusätzlicher Flugplatz  mit zwei langen Betonlandebahnen eingerichtet, weil für die schwerer und schneller werdenden späteren Flugzeugtypen die bisherigen Fluglätze in Rechlin und Roggentin nicht mehr ausreichten.


 

Zum Teil kamen die Mitarbeiter auch aus der weiteren Umgebung, auch per Eisenbahn. Das Militär war großenteils in neuen Kasernen zwischen Rechlin und Siedlung Vietzen untergebracht. Handwerksbetriebe, Geschäfte für den täglichen Bedarf, medizinische Versorgung, Grundschule, Gastststätten, Hotels, Kasino, Kino, Sporteinrichtungen und so weiter kamen dazu. Mit den zum Teil kinderreichen Familien wurde die Bevölkerung stattlich, das alte Dorf wandelte sich zu einer kleinen Stadt! Das Gesamtareal der Erprobungsstelle umfasste etwa 150 Quadratkilometer.
 
Außer Flugzeug-Lärm drang nur wenig aus der Erprobungsstelle heraus. Äußerlich war das Leben auch noch in den ersten Kriegsjahren fast unbeschwert, allerdings war durch Flugunfälle der Tod von mehreren hundert Personen zu beklagen. Der Nationalsozialismus trat kaum in Erscheinung und hatte nur wenige Parteigänger. Nachdem im Mai 1944 einige Bomben an dem Lärzer Flugfeld nur geringen Schaden anrichteten, fand im August 1944 ein großer Luftangriff auf Rechlin statt, der die technischen Anlagen sehr beschädigte, die Wohnbereiche dagegen kaum. Von da an wurde das Leben sehr provisorisch. Der letzte Weihnachtsgottesdienst war 1943, denn ab Herbst 1944 verließen viele Familien Rechlin und kehrten zumeist an ihre Herkunftsorte zurück. Der katholische Geistliche Dr. Dr. Schwentner war vom Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und im Oktober 1944 hingerichtet worden.
Im  Februar 1945 wurde die Erprobung in Lärz nach Lechfeld in Bayern verlegt. Anfang April gab es einen erneuten großen Bombenangriff auf Rechlin und den Flugplatz Lärz, diesmal auch auf die Wohnbereiche. Danach zogen die letzten technischen Abteilungen nach Schleswig-Holstein. Bei der kampflosen Besetzung Rechlins am 2. Mai 1945 lebten in Rechlin und Siedlung Vietzen nur noch wenige Menschen, von denen dann fast 50 Selbstmord begingen.
Nach nur zehn Jahren Nutzung hatte die Kirche zum zweiten Male keine Gemeinde mehr!
 
Rechlin, Siedlung Vietzen und die Kasernen wurden sofort von der Besatzungsmacht belegt. Den bisherigen deutschen Bewohnern und vielen hinzugekommenen Flüchtlingen aus dem Osten verblieben nur sehr wenige Häuser in der Siedlung Vietzen. Nach der Freigabe der Rechliner Häuser 1950 wurden deren Trümmer beseitigt, teils wurden sie abgerissen, um das Material für Reparaturen zu verwenden, teils wurden sie allmählich wieder aufgebaut, um Wohnraum für die Mitarbeiter einer ab 1948 in den Trümmern der Erprobungsstelle entstehenden Schiffswerft zu schaffen. Die Schiffswerft wurde zur bedeutendsten Produktionsstätte der DDR für alle Arten von Rettungsschiffen für den Ostblock mit mehr als 1000 Mitarbeitern.
Die nördliche Hälfte der Siedlung Vietzen blieb besetzt und durch eine Mauer vom südlichen Teil getrennt, der allmählich wieder für deutsche Bewohner hergerichtet wurde. Mit mehrgeschossigen Plattenbauten und einem Kulturhaus, zu den Kasernen hin gelegen, ebenfalls von Mauern umgeben,  wurden weitere Bedürfnisse der Besatzungsmacht befriedigt. Die nicht zerstörten betrieblichen Bauten des Rechliner Flugplatzes wurden von Bodentruppen genutzt und großenteils verbraucht. Nur der Lärzer Flugplatz wurde ab 1946 weiterhin zum Fliegen intensiv genutzt und weiter ausgebaut.
Die Kirche hatte das Kriegsende unbeschädigt überstanden, doch wurde ihr Inneres gleich danach verwüstet. Die Glocken verschwanden, ebenso alle Einrichtungen einschließlich der Empore. Die Kirche wurde zunächst Sporthalle für das Militär, später eine Werkstatt der Werft, schließlich Lagerraum für Militärgerät. Die Fenster wurden zugemauert, die Türen waren aus Stahlblech. Diese beklagenswerte Nutzung hatte immerhin den großen Vorteil, dass das Gebäude und sein Dach instand gehalten wurden. Gottesdienste wurden erst wieder ab 1968 in einer kleinen Baracke in Vietzen abgehalten. Das übernahm der Pastor aus dem benachbarten Dorf Vipperow. Bis dahin wurden sie in Räumen der Gaststätte Kittelmann gefeiert.
 
Nach der deutschen „Wende“ 1989 wurden die zuletzt von der Nationalen Volksarmee der DDR betriebenen militärischen Einrichtungen und damit auch die Kirche an die  Bundeswehr überführt. Auf Initiative des Bundeswehrkommandanten wurde das Gebäude von der Bundeswehr wieder zur Nutzung als Kirche hergerichtet und 1996 an die Landeskirche in Schwerin zurück übereignet. 1994 wurde für Rechlin ein Pastor berufen, der auch die Kirchen und deren Gemeinden in den Nachbarorte mit zu betreuen bekam. Ein Förderverein „Kirche Rechlin Nord“ entstand; „Nord“ deswegen, weil der Ortsname Rechlin nach dem Krieg auf die Siedlung Vietzen übergegangen war und das ursprüngliche Rechlin zu „Rechlin Nord“ wurde. Mitglieder des Fördervereins wurden engagierte derzeitige und frühere Rechliner aus der Zeit bis 1945, die sehr gut zusammenarbeiten. Drei neue Glocken und eine erst danach wieder gefundene frühere, sehr alte Glocke, die seit 1998 im Turm läuten (wobei die Stimmung glücklicherweise zusammenpasst), elektronische Orgel, neues Einzelgestühl, neuer Fußboden mit Beheizung, moderne Beleuchtung, Sitzungsraum-Ausstattung und so weiter wurden ausschließlich aus Spenden der Fördervereinsmitglieder finanziert.
Am Eingang sind Tafeln angebracht, die die wechselvolle Geschichte der Kirche und das Wirken des hingerichteten Pfarrers Schwentner beschreiben.
Die Kirche dient nun außer zum Gottesdienst auch Konzerten, Vorträgen und sonstigen geeigneten Veranstaltungen.
 
In den Ruinen des Eingangsbereichs der früheren Erprobungsstelle ist ab 1998, ebenfalls von einem Förderverein aus Jung-, Alt-, Ost- und West-Mitgliedern vorangetrieben, betrieben und in den Anfangsjahren ebenfalls nur durch Mitgliedsspenden finanziert, das „Luftfahrttechnische Museum Rechlin“ entstanden. Dessen größtes Ausstellungsstück sind die mühselig wieder hergerichteten Gebäude. Hier findet man vieles Interessantes aus der Zeit der Flugzeugerprobung, der Fliegerei allgemein, der komplexen Ortsgeschichte mit Betonung der schwierigen Nachkriegszeit, der nach der „Wende“ unglücklich zugrunde gegangenen Werft, und der Besetzung. Das Museum erfreut sich regen Besuchs.
Die Gemeinde Rechlin hat mit den eingemeindeten kleinen Nachbarorten (dazu gehören auch  Boek und Retzow) heute etwa 2100 Einwohner, etwa 77 Quadratmilometer Gemeindefläche, einige Handwerks- und kleinere Industriebetriebe. Der Lärzer Flugplatz wird weiterhin genutzt. Rechlin grenzt unmittelbar an den Nationalpark Müritz und ist anerkannter Erholungsort mit viel Touristik und Urlaubsgästen.



 
 

 

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